Problempferd?

 

Der Begriff "Problempferd" scheint heutzutage allgegenwärtig zu sein. In jedem beliebigem Reitstall wird man dieses oder jenes Pferd finden, das in irgendeiner Weise Probleme macht.

Zwischen all den steigenden, bockenden, durchgehenden, hysterischen Pferden fragt man sich hin und wieder ob es denn tatsächlich anormal ist ein normales Pferd zu haben das sich normal benimmt!?

Es ist erschreckend wieviele Reiter manchmal sogar gravierende Probleme mit ihren Pferden haben, und noch umso erschreckender sind hin und wieder die Methoden mit denen versucht wird die Probleme aus der Welt zu schaffen.

Oftmals wird gar nicht nach der Ursache für das unerwünschte Verhalten gesucht, sondern nur eine schnelle Lösung erwartet. Allerdings ist das in den allermeisten Fällen nicht der Schlüssel zum Erfolg.

 

Ein Pferd wird nicht als Problempferd geboren, das ist Fakt.

Natürlich hat jedes Pferd seinen eigenen Charakter und sein eigenes Temperament und vielleicht auch seine Macken- aber wer hat die nicht?

Doch kein Pferd kommt als beißendes, tretendes, steigendes, etc Individuum zur Welt, es sei denn es hat von Anfang an irgendwelche Schmerzen.

 

Tauchen nun also Verhaltensauffälligkeiten auf bin ich als Reiter in der Pflicht die Ursache dafür zu finden und ich muss mir dabei bewusst sein, dass das unter Umständen viel Zeit und leider in den meisten Fällen auch noch viel Arbeit und mitunter auch noch viel Geld kosten wird.

Unter Umständen muss ich mich auch als Reiter selbstkritisch betrachten und mein eigenes Verhalten in Frage stellen, nicht selten ist das Pferd der Spiegel seines Reiters. Steige ich genervt, schlecht gelaunt und nervös in den Sattel, ja dann kann ich nicht von einem solch sensiblen Tier wie dem Pferd erwarten, dass es meine negative Einstellung nicht bemerkt und nicht davon beeinflusst wird.

 

Zeigt das Pferd deutliche Widersetzlichkeiten ist der erste Schritt die Kontrolle der Ausrüstung. Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, hat besonders die Passform des Sattels einen sehr großen Einfluss auf das Pferd.

Ist mit der Ausrüstung alles in Ordnung muss der Reiter körperliche Beschwerden des Pferdes ausschließen können. Mitunter muss man da schon eine ganze Weile gezielt suchen bis man eventuelle gesundheitliche Probleme findet.

Logischerweise beginnt man mit der Kontrolle der Zähne, des Rückens, der Gliedmaßen, holt sich Rat von einem Physiotherapeuten und/oder Osteopathen, und macht zu guter Letzt zur Sicherheit auch noch ein großes Blutbild.

 

Können körperliche Beschwerden mit Sicherheit ausgeschlossen werden ist der nächste Punkt in der Checkliste die Haltung des Pferdes. Pferde sind Herdentiere die sozialen Kontakt zu Artgenossen benötigen. Sie sind Lauftiere, die ständig in Bewegung sein müssen. Dass Pferde die 23h am Tag ihr Dasein in der Box fristen müssen und nur für eine Stunde zum Reiten rauskommen früher oder später Verhaltensprobleme entwickeln, sollte eigentlich sehr logisch sein.

Je mehr freie (!) Bewegung auf der Weide und je mehr Sozialkontakt zu Artgenossen umso zufriedener das Pferd.

 

Auch das Umfeld des Pferdes muss kontrolliert werden, fühlt das Pferd sich im Stall wohl, kommt es mit seinem Boxennachbar klar oder, wenn es mit mehreren Pferden auf die Weide geht oder im Offenstall steht, ist es gut in die Herde integriert oder gibt es immer wieder Konfrontationen?

Steht das Pferd in einem Reitstall mit Schulbetrieb und/oder vielen Einstellern, sodass immer viel in der Stallgasse los ist, kommt das Pferd damit wirklich klar?

Hat das Pferd genügend Ruhe und Rückzugsmöglichkeiten?

Hat das Pferd vor kurzer Zeit einen, oder sogar mehrere Stallwechsel mitmachen müssen?

Oder gab es einen Wechsel unter den Einstellerpferden, sind neue Pferde hinzu gekommen?

Jede noch so kleine Änderung in der alltäglichen Routine des Pferdes und jeder noch so kleine Stressfaktor kann das Pferd dermaßen aus seiner Bahn werfen, dass es auf einmal Verhaltensauffälligkeiten zeigt.

 

Eine weiterer Grund für unerwünschtes Verhalten kann auch der Mensch selbst sein.

Pferde kommunizieren vor allen Dingen über Körpersprache, wir hingegen sind so daran gewöhnt unsere Sprache als Kommunikationsmittel zu benutzen, dass unsere eigene Körpersprache eigentlich regelrecht verkümmert ist. Aus den Augen der Pferde sind wir einfach nur grobmotorische Wesen die sich missverständlich verhalten.

Wann immer Kommunikationsschwierigkeiten auftauchen müssen wir uns selbst in Frage stellen.

War das, was wir von unserem Pferd verlangen wollten, auch wirklich klar formuliert oder haben wir vielleicht doch unbewusst selbst einen Fehler gemacht?

 

Gleiches gilt auch für die Kommunikation vom Sattel aus. Auch was wir beim Reiten fordern muss für das Pferd verständlich sein.

Ungeduld und falscher Ehrgeiz des Reiters sind selten hilfreich.

Ich kann zum Beispiel auch nicht von einem jungen oder unerfahrenen Pferd erwarten, dass es gleich neue Dinge versteht. Um ein Beispiel zu nennen:

Treibe ich es vorwärts und lasse dabei aber die Hand stehen sieht ein junges oder unerfahrenes Pferd zunächst nur Gas und Bremse die gleichzeitig gedrückt werden und es hat die Wahl zwischen stehen bleiben oder weg rennen weil es nicht versteht was der Reiter von ihm will, weil dieser sich nicht klar ausgedrückt hat.

Wird das Pferd in seiner Verwirrung jetzt auch noch bestraft, ja dann kommt Frust auf, sowohl beim Pferd als auch beim Reiter und es wird nicht lange dauern bis das Pferd immer weiter dicht macht.

Vielmehr muss ich als Reiter bemüht sein meinem Pferd Schritt für Schritt behutsam klar zu machen, was ich nun wirklich von ihm.

Wir legen dem Pferd immer wieder einzelne Puzzlestücke vor und entweder wir überlassen es dem Pferd alleine sich daraus irgendwie vielleicht ein ganzes Bild zu erstellen, oder aber wir unterstützen es dabei. Letzteres ist mit Sicherheit die vertrauensbildendere Methode.

 

Habe ich es mit einem Jungpferd zu tun, das auf einmal Probleme zeigt, ja dann muss ich mich doch fragen ob das junge Tier denn nun tatsächlich auch wirklich körperlich UND mental reif genug dafür ist die Ansprüche die ich an es stelle zu erfüllen.

Viele Pferde zeigen nicht unbedingt sofort wenn sie überfordert sind, sie warten erst einmal ab und wollen gefallen, wollen alles richtig machen bis es einfach nicht mehr geht weil der Reiter durch den Willen zu Gefallen des Pferdes immer mehr fordert, immer weiter kommen will und nicht früh genug erkennt wo die Grenzen des Jungpferdes liegen. Das muss nicht einmal aus böser Absicht geschehen, es ist einfach eine Gratwanderung zwischen dem was noch OK ist und dem was das Pferd schon überfordert.

Wir dürfen nie vergessen, dass ein Jungpferd noch so viel mit sich selbst und dem Erwachsen werden zu tun hat, dass wir nicht von ihm verlangen können, dass es immer bei allem so routiniert ist wie ein älteres, erfahrenes Pferd.

Tauchen Schwierigkeiten auf, ja dann sollte man lieber 1-2 oder sogar mehr Schritte zurück gehen und nicht versuchen das Problem irgendwie auf Teufel komm raus von heut auf morgen schnellstmöglich aus der Welt zu schaffen. (Das gilt allerdings für alle Pferde, nicht nur für Jungpferde!)

Von einem Jungpferd kann ich auch nicht erwarten, dass es sich eine ganze Stunde lang voll auf den Reiter konzentriert, wir schicken unsere Vorschulkinder ja auch nicht zu einer Vorlesung an der Universität.

 

Alles in allem brauchen wir im Umgang mit dem Pferd eins: Ruhe, Zeit und Geduld.

Auch wenn unsere Gesellschaft das Motto  "Zeit ist Geld" vorgibt ist genau diese Einstellung das, was so vielen Pferden zum Verhängnis wird. Es lässt sich nicht leugnen, dass viele Pferde in dieser, ja, Maschinerie (anders kann man das regelrechte Abrichten der Tiere mancherorts gar nicht bezeichnen) auf der Strecke bleiben.

Mit mehr Verständnis für's Pferd wäre schon vielen geholfen.