Das Pferd gebisslos ausbilden- ja geht denn sowas?

 

Es ist die wohl am häufigsten gestellte Frage wenn es um das gebisslose Reiten geht.

Der Glaube oder vielleicht auch einfach die Sorge, dass es nicht möglich sei ein Pferd gebisslos aus- und/oder weiter zu bilden hält sich teilweise immer noch hartnäckig in den Köpfen der Reiter.

 

Doch auf diese Frage gibt es nur eine klare Antwort: Ja, es geht!

 

Natürlich hängt die Art und Weise wie man diese Ausbildung vornimmt von der jeweiligen Reitweise und den persönlichen Zielen und Erwartungen ab, welche allem voran die jeweilige Wahl der passenden gebisslosen Zäumung mit bestimmen, (die Übersicht der gebisslosen Zäumungen und weiterführender Links zu den detaillierten Erfahrungsberichten finden sie HIERaber all dies ist auch bei der "normalen" Ausbildung mit Gebiss nicht anders.

 

Gleich zu Beginn aber erst ein wichtiger Hinweis:

Dies ist kein Plädoyer gegen das Reiten mit Gebiss, sondern es ist ein Plädoyer für das gebisslose Reiten!

 

 

Was genau sind dann also nun die üblichen Bedenken?

 

Nun, allem voran besteht die größte Sorge im möglichen Kontrollverlust

Natürlich, ein Pferd ist und bleibt ein Fluchttier. Es ist und bleibt aber auch immer noch ein Fluchttier wenn es ein Gebiss im Maul trägt. Jeder Reiter der bereits ein mal in seinem Leben auf einem durchgehenden Pferd gesessen hat das möglicherweise auch mit Gebiss gezäumt war weiß, wenn das Tier laufen will, dann läuft es. Vor allem mit Gebiss.

Denn was tut das Pferd? Es beißt sich in solch einer Stresssituation auf dem Gebiss fest und entzieht sich somit der Einwirkung des Reiters.

Und wie sieht es gebisslos aus? 

Hat es kein Gebiss im Maul, dann kann es sich in logischer Konsequenz auch nicht auf dem Gebiss festbeißen.

Das heißt nicht notwendigerweise, dass es sich nun sofort besser bremsen lässt, aber die Chance zumindest wieder über eine seitliche Einwirkung zu gewinnen ist wesentlich größer.

In diesem Fall wäre es also wahrscheinlicher, dass die Einwirkung ohne Gebiss besser ist als die Einwirkung mit Gebiss.

 

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich mich in diesem Fall auf Ausnahmesituationen beziehe.

Ein gut gerittenes, reell ausgebildetes, an den Hilfen stehendes Pferd das seinem Reiter vertraut sollte im Normalfall gar nicht erst in diese Situation geraten. Ausnahmen bestätigen die Regel, vor allem bei selbstständig denkenden und fühlenden 600 kg mit Fluchtinstinkt.

 

 

Widmen wir uns also der nächsten Sorge:

das Biegen und Stellen, sowie das Reiten in Anlehnung sind gebisslos nicht möglich.

Diese Bedenken müssen wir einmal getrennt voneinander betrachten. Beginnen wir mit dem Biegen und Stellen.

Es ist ein Irrglaube oder schlicht und ergreifend einfach nur eine falsche Praktik eine Stellung und im folgenden sogar die Biegung des Pferdes über die Handeinwirkung erreichen zu wollen.

Die primäre Hilfe für Stellung und Biegung des Pferdes kommt aus dem Sitz des Reiters. 

Am sinnvollsten ist es zudem das Pferd bereits am Boden an der Hand stellen und biegen zu können, das am Boden Erlernte lässt sich für das Pferd dann um ein vielfaches leichter mit Reiter umsetzen als wenn es es gleich mit Reiter lernen muss (das gilt grundsätzlich für alle Lektionen).

Die Zügelhilfe kann im diesem Fall also nur eine Unterstützung, ein Richtungsweiser oder eine Begrenzung sein, nie aber der alleinige Faktor.

Das bedeutet also auch, dass es völlig unerheblich ist welche Zäumung das Pferd am Kopf trägt oder auch nicht trägt.

 

 

Wie sieht es also nun mit dem Reiten in Anlehnung aus?

Nun, allem voran ist bereits die Definitionsfindung sehr schwierig. Es gibt kaum einen anderen Begriff im Reitsport der unterschiedlicher interpretiert und definiert wird als der Begriff "Anlehnung".

 

Sprechen wir von einer Anlehnung an's Gebiss (frei nach FN definiert), d.h. die weiche Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul, ja, dann schließt alleine die Definition bereits eine gebisslose Zäumung aus- was letztendlich unter anderem auch einer der Gründe für das Verbot gebissloser Zäumungen auf Turnieren ist.

Ist diese Definition allerdings nicht doch etwas zu eng bemessen?

 

Wie wäre es mit der Anlehnung an die Hand, d.h. die weiche Verbindung zwischen Reiterhand und in diesem Fall dann Pferdenase, ja, dann kommen wir der Sache schon näher.

Allerdings schließt diese Definition im Umkehrschluss etliche gebisslose Zäumungen aus, unter anderem all jene mit Hebelwirkung und/oder punktuellerer und somit potenziell schärferer Einwirkung auf der Nase. 

 

Oder wünschen wir schlicht und ergreifend eine Anlehnung an die (Sitz-)Hilfen?

Beschränken wir die Definition der Anlehnung und der Verbindung nicht auf die Reiterhand, sondern wünschen wir uns nicht doch eher eine Verbindung im Ganzen zwischen Pferd und Reiter?

In diesem Fall wäre es wie bereits zum Thema Stellen und Biegen erwähnt wieder einmal völlig unerheblich welche Zäumung das Pferd trägt oder eben nicht trägt. Somit schließt sich der Kreis.

 

 

Eine letzte, häufig angetroffene Aussage lautet:

Das junge Pferd muss erst mit Gebiss ausgebildet werden bevor es gebisslos geritten werden kann.

Diese Aussage die man wie erwähnt durchaus am meisten hört, ist auch die, die bei mir auf das größte Unverständnis trifft.

Woher auch immer dieser Irrglaube kommt- er ist absoluter Schwachsinn.

Das gebisslose Anreiten des jungen Pferdes ist absoluter und wichtiger Bestandteil mit langer Tradition in vielen Reitweisen, unabhängig davon ob das Pferd im weiteren Verlauf auf ein Gebiss umgestellt wird oder nicht.

Und es ist nur logisch das Pferdemaul vor allem im Zahnwechsel zu schonen und das Pferd, wenn überhaupt, erst später an ein Gebiss zu gewöhnen.

Die gewissenhafte und geduldige Ausbildung des jungen Pferdes dauert ohne Gebiss weder länger, noch ist sie in irgendeiner Form schwieriger als die reelle Ausbildung mit Gebiss.

 

Es lässt sich also zum Abschluss sagen:

der begrenzende Faktor ist nicht die Zäumung, sondern der begrenzende Faktor ist immer der Mensch.

 

Die vorbereitende Arbeit an der Hand legt den Grundstein für die weitere Ausbildung des jungen Pferdes.
Die vorbereitende Arbeit an der Hand legt den Grundstein für die weitere Ausbildung des jungen Pferdes.
Die allerersten Schritte mit Reiter- beim 1. Mal noch mit Helfer am Boden- mit der richtigen Vorbereitung und ohne Gebiss kein Problem!
Die allerersten Schritte mit Reiter- beim 1. Mal noch mit Helfer am Boden- mit der richtigen Vorbereitung und ohne Gebiss kein Problem!
Das junge, unerfahrene Pferd lernt auch im weiteren Verlauf spielerisch das vom Boden Erlernte mit Reiter umzusetzen. Ein Gebiss ist dafür nicht nötig.
Das junge, unerfahrene Pferd lernt auch im weiteren Verlauf spielerisch das vom Boden Erlernte mit Reiter umzusetzen. Ein Gebiss ist dafür nicht nötig.
Das gleiche junge Pferd einige Monate später bei den ersten Traversalen.
Das gleiche junge Pferd einige Monate später bei den ersten Traversalen.
Mit zunehmender Ausbildung auf dem Weg zur relativen Aufrichtung- auch gebisslos möglich!
Mit zunehmender Ausbildung auf dem Weg zur relativen Aufrichtung- auch gebisslos möglich!
Die vom Boden aus erlernten Seitengänge lassen sich problemlos auch ohne Gebiss vom Sattel aus abrufen.
Die vom Boden aus erlernten Seitengänge lassen sich problemlos auch ohne Gebiss vom Sattel aus abrufen.
Trabtraversale gebisslos? Kein Problem!
Trabtraversale gebisslos? Kein Problem!
Piaffieren ohne Gebiss? Auch das ist möglich!
Piaffieren ohne Gebiss? Auch das ist möglich!

Im Folgenden noch einige Videos zum gebisslosen Reiten, vom Jungpferd in Ausbildung bis zum "alten Hasen" mit Passage und Einerwechseln, auch nur am Halsring: